Deutscher Gewerkschaftsbund

18.11.2014

DGB SeniorInnen: Offener Brief

An den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier

An die Fraktionsvorsitzenden im Hessischen Landtag

 

Verleihung der Leuschner-Medaille an die Bundeskanzlerin Angela Merkel

 

OFFENER BRIEF

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

Sehr geehrte Fraktionsvorsitzenden,

der DGB Bezirk Hessen-Thüringen und die DGB-Region Frankfurt-Rhein-Main haben zum 70. Todestag von Wilhelm Leuschner eine Gedenkveranstaltung im DGB Haus Frankfurt am Main veranstaltet. Die DGB Bezirksvorsitzende des DGB Hessen-Thüringen Gabriele Kailing eröffnete die Gedenkveranstaltung. Die Ansprache hielt Wolfgang Hasibether, geschäftsführender Vorstand und wissenschaftlicher Leiter der Wilhelm-Leuschner-Stiftung. Der Historiker Dr. Axel Ulrich stellt die Biografie Wilhelm Leuschners vor.

Wir begrüßen außerordentlich, dass Frankfurter Gewerkschafter, wie Alfred Marchand, die für ihren Kampf gegen das Naziregime und für die Aufklärungsarbeit in der Neuzeit mit der Wilhelm-Leuschner Medaille ausgezeichnet wurden.

Mit Frau Merkel soll eine Person ausgezeichnet werden, die jedoch weder einen direkten Bezug zu Hessen aufweist, sich auch nicht in außergewöhnlicher Weise für die Aufarbeitung der NS-Schreckensherrschaft, die Erinnerung an den Widerstand gegen Hitler oder die Aussöhnung mit den Opfern engagiert hat. An den Träger eines Preises, der an Wilhelm Leuschner erinnert, müssen jedoch andere Maßstäbe gelten. Die Ehrung für die Bundeskanzlerin folgt ganz offensichtlich durchsichtigen parteipolitischen Erwägungen und ist aus unserer Sicht nicht vereinbar mit der ursprünglichen Intention des Preises.

Wir fordern Sie, Herr Ministerpräsident, und die im hessischen Landtag vertretenen Parteien auf, sich wieder ernsthaft mit der Lebensleistung von Wilhelm Leuschner zu befassen. Im Namen des Widerstandskämpfers und Verfechters freier Gewerkschaften sollten Personen geehrt werden, die sich in unserem Land in besonderer Weise für die Werte einsetzen, für die Leuschner stand: Der Kampf gegen Willkürherrschaft und für Demokratie. Vor 70 Jahren wurde er vom „Volksgerichtshof“ verurteilt und hingerichtet. Am 15. Juni 2015 ist der 125. Geburtstag Leuschners. Es ist an der Zeit und eine Aufgabe des gesamten hessischen Landtags, sich wieder vermehrt mit dem Vermächtnis dieses bedeutenden Hessen auseinanderzusetzen und gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass der mit seinem Namen verbundene Preis wieder seiner ursprünglichen Bedeutung zugeführt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Karl Steiss, Vorsitzender der DGB-Senioren Frankfurt


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