Deutscher Gewerkschaftsbund

01.06.2015

Das Arbeiterlied

»Ihr müsst es singen«

Das Arbeiterlied auf dem Weg zum Weltkulturerbe im Sinne der UNESCO. Ein Gespräch mit Bernd Köhler

Simon Zeise

Das Singen von Arbeiterliedern ist jetzt ein schützenswertes immaterielles Kulturgut. Das hat die Kultusministerkonferenz festgestellt – nachdem Sie es ihr vorgeschlagen hatten. War das eine Überraschung?

Ja klar. Unsere Initiative, die Gewerkschafter, Künstler und Wissenschaftler unterstützen, hatte in der ersten Runde 80 Konkurrenten. Dass man mit diesem Ansatz, der klar als Geschichte der Arbeiterbewegung definiert ist, und mit einer sehr respektablen Bewertung der Jury durchkommt, hat uns sehr gefreut.

Und wann wird das Arbeiterlied Weltkulturerbe?

Die Kultusministerkonferenz hat 27 Kulturgüter aus Deutschland in das deutsche Verzeichnis des schützenswerten Kulturguts (im Sinn der UNESCO) aufgenommen. Aus diesem Verzeichnis wird ein Kulturgut ausgewählt und der UNESCO vorgeschlagen, es zum Weltkulturerbe zu erklären. Hierbei wurde sich für die »Genossenschaftsbewegung« entschieden. Ich gehe also nicht davon aus, dass »das Singen der deutschen Arbeiterlieder«, wie es in unserem Antrag heißt, bald als »Weltkulturerbe« anerkannt wird.

Wie kann man sich das vorstellen: Das Arbeiterlied zu schützen? Werden jetzt Songtexte archiviert, oder wird die Bevölkerung zum Singen aufgefordert?

Es wäre verfehlt, wenn man nur noch etwas bewahren wollte. In der Juryentscheidung steht: »Auch heute noch weist die Praxis eine große Lebendigkeit auf, die von den Medien weitgehend unbeachtet, bei Versammlungen oder anlässlich von Streiks oder anderen gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen sowie in der Neuentstehung von Liedern zum Ausdruck kommt.« Es gibt also eine Lebendigkeit, die sozusagen amtlich anerkannt wird.

Man sollte diese Entscheidung nutzen, und die Historie besser aufarbeiten. Denn das historische Arbeiterlied ist verschüttgegangen. Es kommt wieder, da bin ich sicher, aber zur Zeit ist es auch in den Gewerkschaften überhaupt nicht präsent.

Um welchen Kanon des Arbeiterliedes handelt es sich? Gehören die altbekannten »Avanti Popolo« oder »Die Internationale« dazu? Gibt es eine »Hitliste«?

Wir haben Titel wie »Die Internationale« oder »Bella Ciao« benannt, weil das Lieder sind, die sowohl in Deutschland als auch international gesungen werden. Ebenso die Lieder von Brecht und Eisler. Das Spektrum, das wir aufgeführt haben, geht aber weit darüber hinaus. In der Neuen Musik gab es eine Menge Komponisten, die sich dem Arbeiterlied zugewandt haben. Das geht hin bis zur Rockmusik, Bands wie Ton Steine Scherben oder Tote Hosen haben solche Lieder aufgegriffen und in ihr Repertoire aufgenommen.

Wer kam auf die Idee, sich an die Kultusminister zu wenden?

Unsere Initiative entstand aus einem losen Zusammenschluss, der sich seit zweieinhalb Jahren in der IG Metall trifft. Das sind so zwanzig, dreißig Leute, darunter auch der Journalist und Liedermacher Joachim Hetscher. Er hatte die Idee, dass wir uns an dem Antragsprozedere beteiligen.

Wo wird das politische Lied überhaupt noch gesungen, wenn nicht in der Gewerkschaft?

Es gibt das Woodie-Guthrie-Festival in Münster, das sich auf die historische Arbeiterbewegung, vor allem im englischsprachigen Raum, bezieht. Außerdem das Festival des politischen Liedes in Berlin. In Österreich das Willy-Festival, benannt nach einer Partisanengruppe, in der Nähe von Linz. Aber das sind lauter kleine Szenerien, es gibt nichts im großen Rahmen.

Warum ist das alles so überschaubar?

Sagen wir so: Von nichts kommt nichts. Ich will mal ein Beispiel aus unserer Mannheimer Region nennen. Es gab 2003 einen Arbeitskampf bei Alstom. Da sollte der Betrieb mit 2.000 Beschäftigten plattgemacht werden. 700 von ihnen fuhren nach Paris zu einer internationalen Demo vor der Alstom-Zentrale. Dort streikten Spanier und Franzosen, da haben die deutschen Arbeiter mitbekommen, wie auf Demos gesungen wird. Die kennen ihre Lieder, und wir haben nur die Parolen und unsere Fahnen. Als sie zurückgekehrt waren, meinten die Arbeiter: »Wir brauchen ein Lied«. Sie kamen zu mir und wollten, dass ich ihnen eins schreibe. Zu der Zeit hatte ich es eigentlich fast schon aufgegeben. Wenn ich aufgetreten bin, kam ich mir vor, wie ein singendes Museum.

Im Kampf um die 35-Stunden-Woche war noch alles anders?

Im Kampf um die 35-Stunden-Woche in den 1980er Jahren gab es eine starke, politisierte Kulturszene. Die 1990er waren politisch tot. Ich war zwar nach wie vor der Meinung, dass nur die Arbeiterbewegung politisch die Sache regeln kann, aber sie braucht vielleicht nicht mehr meine Lieder dazu.

Das hat sich dann 2003 geändert, als ich zu einer Sitzung des Alstom-Betriebsrats kam. Das war eine Kampfzentrale. An allen Ecken hat man gemerkt, die wollen wirklich dagegenhalten. Dann habe ich ihnen ein Lied geschrieben, das heißt »Eure Chance: Resistance!«. Das war für mich die Reaktivierung. Ich habe gesagt: »Es ist euer Lied, ihr müsst es singen.« daraus ist der Alstom-Chor entstanden, der bis heute existiert. Jetzt richten wir große Veranstaltungen aus. Um so etwas zu verankern, dafür braucht man Zeit, Mittel und Unterstützung. Daran muss man arbeiten.

Was ist Ihrer Meinung die Aufgabe eines Arbeiterliedersängers?

Für mich waren die konkreten Erlebnisse vor Ort, bei Streiks und ähnlichem, eine Fundgrube für authentische Lieder. Man muss eine Begeisterung für diese Art von politischer Auseinandersetzung haben. Das verlangt eine gewisse Parteilichkeit, aber auch ein Interesse für diese Menschen. Es geht nicht nur darum, dass man der Mutmacher ist und der Stimmungsbolzen – so wird das von der Gewerkschaft oft gerne gesehen – sondern, dass man differenziert betrachtet und solche Prozesse von außen betrachten und in den großen gesellschaftlichen Rahmen stellen kann.

Moderne Musikformen gehören ebenfalls dazu. Mit meiner Band stellen wir Reibungen zur elektronischen Musik her. Das sind Anforderungen, die ich stellen würde, an eine Musik, die auch Bestand haben kann. Unsere, die hat Bestand.

Interview: Simon Zeise

Bernd Köhler ist Liedermacher und Graphiker. Unter seinem Künstlernamen Schlauch tourte er durch die linke Szene Süddeutschlands. 2009 spielte er mit dem Kleinen elektronischen Weltorchester ewo2 bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz.

Aus: jw 10.1.2015

 


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