Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 071 - 29.11.2012

Jeder siebte Vollzeitbeschäftigte in Wiesbaden arbeitet zum Niedriglohn

Erstmals legt der DGB regionale Daten zum Niedriglohnsektor vor. Demnach arbeiteten 14.422 Vollzeitkräfte in der Landeshauptstadt Wiesbaden für einen Niedriglohn. Zum Stichtag im Jahr 2010 waren dies bereits 15,7 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten, von den Frauen sogar 21,6 Prozent – darin enthalten sind weder Auszubildende, noch Minijobber oder Selbständige. Auch qualifizierte Arbeitskräfte in der Stadt erhalten oftmals nur einen mickrigen Lohn.

Konkret lag die Niedriglohnschwelle 2010 in allen westdeutschen Ländern bei einem Monatsbrutto von 1.890 Euro. In Wiesbaden rutschen Vollzeitbeschäftigte zwar nicht ganz so häufig in den so errechneten Niedriglohnsektor wie in den alten Bundesländern insgesamt, allerdings müsste die Niedriglohnschwelle speziell für Wiesbaden nach oben verschoben werden, da sich die Niedriglohnschwelle am Durchschnittslohn errechnet.

In Wiesbaden zählten nach der allgemeinen Niedriglohngrenze 10,8 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten mit Berufsabschluss zu den Niedrigverdienern. In den alten Bundesländern insgesamt waren es demgegenüber 16,0 Prozent der Erwerbstätigen in Vollzeit und mit Ausbildung. Auch qualifizierte Beschäftigte bekommen also den Druck auf das Lohngefüge zu spüren.

„Dieses hohe Niedriglohnrisiko von qualifizierten Arbeitskräften passt nicht zu den Klagen von Arbeitgebern über Fachkräftemangel“, so Philipp Jacks, der Vorsitzende des DGB-Kreisverbands Wiesbaden-Rheingau-Taunus. „Es ist vielmehr ein Indiz dafür, dass Beschäftigte teils im erlernten Beruf keinen Job finden oder nicht qualifikationsgerecht vergütet werden. Trotz Berufsabschluss stecken sie oftmals in Jobs für Un- oder Angelernte. Und je länger diese Situation andauert, desto weniger wert ist die erworbene Qualifikation.“

Noch weit miserabler sei die Entlohnung für viele ohne Berufsabschluss. Fast 30 Prozent der Geringqualifizierten in der Landeshauptstadt Wiesbaden zählen nach der DGB-Auswertung zugleich zu den Geringverdienern. Das Risiko, als Vollzeitbeschäftigter einen Niedriglohn zu erhalten, ist damit für Beschäftigte ohne Berufsabschluss fast dreimal so hoch wie für Qualifizierte.

Insbesondere im Dienstleistungsgewerbe sei das Risiko einer schlechten Bezahlung für Qualifizierte wie Beschäftigte ohne Berufsabschluss überdurchschnittlich hoch. Nach Einschätzung des DGB haben Menschen, die wenig verdienen, oftmals auch ein instabiles Arbeitsverhältnis und ein hohes Entlassungsrisiko.

Die beruflichen Aufstiegschancen für Niedriglohnverdiener seien hingegen ungünstiger als in vielen anderen Industrieländern. Wer behaupte, Niedriglöhne seien Einstiegslöhne, der liege falsch. Die Chancen, in besser bezahlte Jobs aufzusteigen, seien hierzulande relativ gering. Viel häufiger als der Einstieg in besser bezahlte Tätigkeiten, ist eine Verfestigung der Niedriglohnfalle, warnt der DGB.

Der hohe Niedriglohnsektor in Wiesbaden ist nach Einschätzung des DGB auch eine Zeitbombe für künftige Altersarmut. Wer über einen längeren Zeitraum wenig verdient, wird künftig verstärkt von Altersarmut bedroht sein. Hinzu kommt, dass private Altersrücklagen bei niedrigem Einkommen so selten sind, dass das soziale Problem der Altersarmut dadurch kaum gemindert werden kann.

Für die Erhebung hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die auch von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verwendete Definition über Niedriglöhne zugrunde gelegt. Danach zählt zu den Geringverdienern, wer in seinem Land auf weniger als zwei Drittel des mittleren (durchschnittlichen) Lohns kommt. Wegen des immer noch deutlichen Lohngefälles zwischen Ost und West wurde nicht die bundesweite Niedriglohnschwelle, sondern eine differenzierte für West und Ost zugrunde gelegt. Danach lag die Niedriglohnschwelle 2010 in den alten Ländern bei 1.890 Euro brutto im Monat und in den neuen Bundesländern bei 1.379 Euro. Ausgewertet wurden die Meldungen für die Sozialversicherungen, die die Arbeitgeber in der Stadt vornehmen. In der Landeshauptstadt Wiesbaden allein wurden die Meldungen für 90.418 Vollzeitbeschäftigte mit sozialversichertem Job einbezogen, für die alten Bundesländer rd. 16,6 Mio. und für die neuen Bundesländer gut  3,9 Mio. Meldungen.

Kontakt:
Philipp Jacks
Handy: 0175 2924251
philipp.jacks@dgb.de


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