Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 002 - 24.01.2013

DGB: Jugendliche in Wiesbaden haben besonders hohes Verarmungsrisiko

Im September 2012 waren in der Landeshauptstadt Wiesbaden 3.730 Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren auf Hartz IV angewiesen. 12,8 Prozent aller in Wiesbaden lebenden Jugendlichen sind damit direkt von Armut betroffen – die Dunkelziffer vermutet der DGB weit höher, da viele Betroffene keine Unterstützung beantragen wollen oder über die Möglichkeiten nicht informiert sind. In einzelnen Stadtteilen ist der Anteil jugendlicher Hartz IV-Empfänger noch deutlich höher: sie leben im Hinterhof der Wohlstandsgesellschaft.

Hessenweit ist Wiesbaden mit 12,8 Prozent nach der Stadt Offenbach (16,7 Prozent) die Stadt mit der zweithöchsten Hilfequote, gefolgt von Frankfurt (11,7 Prozent), Kassel (11,6 Prozent) und Groß-Gerau (9,5 Prozent).

Zum Vergleich: Bundesweit waren 8,8 Prozent aller erwerbsfähigen jungen Menschen unter 25 Jahren Hartz IV-Empfänger. Damit hat fast jeder elfte erwerbsfähige Jugendliche in Deutschland Hartz IV-Leistungen bezogen. In Wiesbaden hingegen ist mit einer Hilfequote von 12,8 Prozent fast jeder achte erwerbsfähige Jugendliche auf Hartz IV angewiesen. Das Verarmungsrisiko von Jugendlichen ist vor allem mit Hinsicht auf die hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt Wiesbaden mehr als doppelt so hoch wie im bundesdeutschen Durchschnitt. „Diese jungen Menschen erfahren die gesellschaftliche Benachteiligung und Spaltung bereits in jungen Jahren. Besonders gravierend ist aus gewerkschaftlicher Sicht die Armutserfahrung, wenn sich der Hilfebezug bereits in jungen Jahren verfestigt. Gerade in Wiesbaden kommt man mit dem Hartz-IV-Regelsatz nicht weit, gesellschaftliche Teilhabe ist kaum möglich“, so der DGB-Kreisvorsitzende Philipp Jacks.

Nach einer Sonderauswertung der amtlichen Statistik für den DGB in Hessen zählen 59,1 Prozent der hilfebedürftigen Jugendlichen zu den Langzeitbeziehern, die in den letzten 24 Monaten mindestens 21 Monate auf staatliche Fürsorge angewiesen waren.

„Neben materieller Entbehrung und sozialer Ausgrenzung erleben diese Jugendlichen Arbeitslosigkeit und niedriges Erwerbseinkommen im Familienkontext, schlechtere Wohnverhältnisse sowie schlechtere Chancen im Ausbildungssystem und in der Arbeitswelt. Hinzu kommt, dass sich Einkommensarmut auch verstärkt negativ auf die Gesundheit auswirken kann“ so Jacks weiter.

Nur rund ein Fünftel (760) der auf Hartz IV angewiesenen Jugendlichen ist arbeitslos gemeldet. Weitere 279 nahmen an geförderten Maßnahmen wie außerbetrieblicher Ausbildung teil. Auffällig ist in Wiesbaden auch das Verhältnis von Jugendlichen in Weiterbildungsmaßnahmen und in Ein-Euro-Jobs: während lediglich 18 Jugendliche an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, sind 69 in Arbeitsgelegenheiten, den sogenannten Ein-Euro-Jobs. „An diesem Verhältnis muss gearbeitet werden,“ so Jacks, „gerade Jugendlichen müssen gefördert werden und nicht in Ein-Euro-Jobs abgeschoben werden, sonst ist die Langzeitarbeitslosigkeit fast vorprogrammiert.“ Die weit überwiegende Mehrzahl der hilfebedürftigen Jugendlichen besucht noch die Schule, war in Ausbildung, erwerbstätig oder betreute ihre Kinder unter drei Jahren.

Besonders auffallend ist, dass meist nicht die eigene Arbeitslosigkeit zur Bedürftigkeit führt, sondern die Gründe vielmehr in den begleitenden Lebensumständen liegen. Die Mehrzahl der als nicht arbeitslos registrierten jungen Menschen dürfte noch zur Schule gehen: entweder an allgemeinbildenden Schulen oder an berufsbildenden Schulen. Da sie oft noch bei ihren Eltern oder einem Elternteil leben, ist davon auszugehen, dass entweder mindestens ein Elternteil arbeitslos ist oder es kann trotz Erwerbstätigkeit das gesellschaftliche Existenzminimum der Haushaltsgemeinschaft nicht gesichert werden. Die Armut von Jugendlichen ist weitgehend auf Arbeitslosigkeit oder nicht existenzsichernde Löhne der Eltern zurückzuführen. Den anderen Jugendlichen fehlt es selbst an einem existenzsichernden Arbeitsverhältnis.

Daher fordert Jacks: „Um diesen Jugendliche einen dauerhaften Ausstieg aus den prekären Lebensverhältnissen zu ermöglichen, hilft ein schlichtes Parken in beruflichen Warteschleifen oder die Zuweisung in Ein-Euro-Jobs nicht. Um die Spirale von Armut und Perspektivlosigkeit für viele Jugendliche zu durchbrechen, müssen vielmehr zusätzliche Initiativen zur Aus- und Weiterbildung jugendlicher Hartz IV-Empfänger ergriffen und dringend auch die Zusammenarbeit von Jugendamt und Jobcenter verbessert werden. Darüber hinaus braucht es existenzsichernde Löhne und präventive arbeitsmarkt-, bildungs- und sozialpolitische Maßnahmen, die die unterschiedlichen Lebensumstände der jungen Menschen berücksichtigen. Individuelle und kreative Ansatzpunkte sind gefragt, die die gesamten Lebensumstände einschließen.“ Der DGB regt an, die überschüssigen Mittel des Jobcenters in diesem Jahr erneut für eine Aus- und Weiterbildungsinitiative für Jugendliche und junge Erwachsene im Hartz IV-System zur Verfügung zu stellen.


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