Deutscher Gewerkschaftsbund

04.11.2020

DGB Wiesbaden: Kinder haben ihre Schutzräume verloren - 4. Interview

Marlene Wynands ist Leiterin der Katholischen Familienbildungsstätte des Bistums Limburg in Wiesbaden. Dort werden Kurse und Fortbildungen für Babys, Kinder, Jugendliche, Eltern, Tageseltern und Großeltern angeboten. Ein kostenfreies und zielgruppenorientiertes Elternbildungsangebot ist „PEKiP im Stadtteil“, das von der Stadt Wiesbaden refinanziert wird. Das Angebot richtet sich an Mütter, die aufgrund ihrer schwierigen persönlichen und sozialen Situation Kurse der Familienbildung nicht besuchen. Die Koordinatorinnen und Kursleitungen für PEKiP arbeiten unter anderem in der Innenstadt und in den Stadt- und Ortsteilen Hollerborn, Westend, Klarenthal, Schelmengraben, Sauerland, Biebrich, Mainz-Kastel und Erbenheim.


Welche Auswirkungen hat Kinder- und Jugendarmut – was erleben Sie und Ihre Kursleiterinnen in Ihrer täglichen Arbeit?

Viele dieser Familien haben mehrere Kinder und wohnen zum Teil in sehr beengten Verhältnissen. Platz, ein Kind auf den Boden zu legen, ist oft kaum vorhanden. Kinder werden etwa in Hochstühlen, Lauflernhilfen und ähnlichen Geräten geparkt, was schon früh zu Bewegungsdefiziten führen kann. Das Angebot der katholischen Familienbildungsstätte gibt Babys die Gelegenheit, sich auszuprobieren.

Gemeinsames Spiel und die Beschäftigung zuhause sind eher selten. Oft läuft der Fernseher und zieht auch schon die kleinen Kinder in seinen Bann. Große Anschaffungen stellt die Familien vor Herausforderungen: Geld ansparen ist kaum möglich. Einige Frauen gehen schweren Herzens frühzeitig wieder in den Beruf zurück, da sonst das Familieneinkommen nicht reicht. Zugleich besteht bei einigen große Scheu, finanzielle Unterstützung zu beantragen.

Welche Möglichkeiten haben Sie, betroffene Familien, Kinder und Jugendliche zu unterstützen?

Unser Angebot ist kostenfrei und wohnortnah, sodass die Schwelle an einem Bildungsangebot teilzunehmen, niedrig ist. Wer mit dem Bus kommt, erhält Einzelfahrscheine. Die Kursleiterinnen zeigen den Eltern, wie sie mit einfachen Dingen des Haushaltes gute Spielangebote für ihre Kinder machen können. Auch Ernährungsberatung spielt in der Arbeit eine große Rolle, etwa die Frage, wie man mit wenig Geld gesunde Ernährung bei Kindern gewährleistet kann.

Eltern sollen im Umgang mit ihren Kindern bestärkt werden, bestehende Hilfsangebote anzunehmen. Dafür besteht eine gute Vernetzung mit anderen Angeboten in der Stadt. Die Zusammenarbeit in den Kinderelternzentren (KiEZen) ist hierbei für die Familien ein wertvoller Baustein. Die katholische Familienbildungsstätte macht auf bestehende kostenfreie Angebote aufmerksam, versucht bei Anträgen zu Wohngeld, Kinderzuschlag, Bildung und Teilhabe zu unterstützen sowie bei der Anmeldung zu WIKITA.

Welche konkrete Hilfe würden Sie sich wünschen, um den Herausforderungen von Kinder- und Jugendarmut besser begegnen zu können?

Bezahlbarer Wohnraum für die Familien, kostenfreie Kitaplätze schon für die kleinen Kinder, einfache Anträge bei Kindergeld und anderen Unterstützungen – das würde bereits viel helfen. Betreuungsangebote in oder nach der Schule, kostenfreies Essen in Kita und Schule müsste selbstverständlich sein. Ich finde auch den Einsatz von Familienbegleiter*innen, die unbürokratisch und schnell Familien an Kitas und Schulen beraten, sinnvoll.

Die Corona-Pandemie stellt das Leben aller Familien auf eine harte Probe. Welche Auswirkungen oder auch Spätfolgen wird es Ihrer Ansicht nach auf die von Armut betroffenen Kinder haben?

Viele Familien haben existentielle Probleme durch den Wegfall der Arbeit. Oft sind von Armut betroffene Eltern im Dienstleistungssektor beschäftigt. In einigen Familien fehlt mindestens ein Verdienst. Wenn es schlecht kommt, fehlen sogar beide. Diese Belastung in den Familien wirkt sich natürlich auch auf den Umgang mit den Kindern aus.

Durch die Einschränkungen der Pandemie und des letzten Lockdowns haben Kinder ihre Schutzräume und Anlaufpunkte für Hilfe verloren, da viele Betreuungsangebote, wo Kinder und Jugendliche Hilfe und Unterstützung erfahren, nur eingeschränkt oder gar nicht geöffnet sind. Es ist ein großes Glück, dass im aktuellen Lockdown light die Kitas und Schulen geöffnet bleiben.

 

Die Fragen stellten Theresa Kreutz (Katholische Erwachsenenbildung Wiesbaden Untertaunus und Rheingau). Gemeinsam mit Evangelischem Dekanat, Deutschem Gewerkschaftsbund Wiesbaden-Taunus, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wiesbaden-Rheingau, Awo Wiesbaden, Attac Wiesbaden und die Rosa-Luxemburg-Stiftung haben sie eine Aktionsreihe ins Leben gerufen, um für das Thema Kinder- und Jugendarmut in einer reichen Stadt wie Wiesbaden zu sensibilisieren.

Kinderarmut

Marlene Wynands


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